Taktikbrett

Random thoughts von Phil.

Überreizt

 

 

Sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen. Das sind die Sinne, mit denen wir unsere Umgebung und die Welt wahrnehmen. Dominant ist dabei aber vor allem der visuelle Reiz. Von Reizüberflutung wird dann gesprochen, wenn so viele Reize auf den Mensch einwirken, dass dieser das Gesehende nur unvollständig verarbeiten kann.    
Wir haben diesen Zustand im Sport unlängst erreicht. Profisport ist dafür ausgelegt, kontinuierlich und in schneller Abfolge Highlights und Stars zu produzieren. Wie keine andere Sportliga vermarketet sich die NBA global und schreibt mit Hilfe der (sozialen) Medien Narrative. Sei es „Linsanity“, LeBrons „Homecoming“ oder Mambas “Farewell Tour” - the show must go on! Wir Sportfans sind es zudem gewöhnt, jedes Jahr neue Jungstars in der Liga zu begrüßen und ordentlich Kohle in den Hypetrain zu schaufeln, um ihn in Fahrt zu bringen.     
Stichwort: „AD hatte nicht die MVP Saison, die wir von ihm erwartet haben? Egal, Karl-Anthony Towns ist eh the next big thing.” Ein negativer Nebeneffekt dieser Highlight—Maschinerie? Sie füttert unser Kurzzeitgedächntnis. 

Klar, die ganz ganz grossen Jungs unseres Sports bekommen das Spotlight, das sie verdienen.
Ich spreche hier natürlich über die Legenden, die mich unter anderem zum Basketball geführt haben und die sich nun auf den letzten Metern ihres Sportlermarathons befinden. Die Hall-of-Famer Garnett, Dirk, Pierce und den kürzlich zurückgetretenden Timmy D wird man immer auf verpixelten Highlight-Reels und den Bestenlisten der NBA wiederfinden. 
Aber was ist eigentlich mit der zweiten Garde dieser Generation? Die Spieler, die mehr als ihre 15 seconds of fame hatten – legitime Stars in ihrer Prime- aber mittlerweile, nach X Jahren NBA, nur noch Rollenspieler oder Bankdrücker sind.     
Wie werden wir sie im Gedächntnis behalten? Was ist ihre Legacy? Und für die jüngeren unter euch: Was haben sie eigentlich damals in der NBA gerissen?

Let’s take a trip to memory lane...[1]

 

 

Amare Stoudemire (9th pick 2002, 14 Profisaisons)      
Standing tall and talented ist eine akkurate Beschreibung, eher sogar eine Untertreibung für die Naturgewalt, mit der Amare die Liga per Pick & Roll pulverisierte. Stoudemire besaß einen sanften Touch, solide Hooks und war mit der Power eines italienischen Sportwagens gesegnet.Gepaart mit Steve Nash, dem Aufbaugenie und Gehirn der D’Antoni Suns versetzte er Verteidiger ligaweit in Panik. Das Zusammenspiel der beiden erinnerte an Stockalone und war ebenso unmöglich zu verteidigen. Gepaart mit Allzweckwaffe Shawn Marion, seinerseits ein wahnsinniger Athlet, waren sie der Core einer Mannschaft, dass wohl zu den talentiertesten Teams zählt, die nie einen Titel gewinnen konnten.[2]       

 

   
Zwei geführchteter Mikrofraktur-OPs und einer Retinaverletzung zum Trotz dominierte er auch nach seinem Abgang aus Arizona im ersten Jahr bei den Knicks und verhalf der Franchise wieder an Relevanz zu gewinnen. Seine Zeit im Big Apple war jedoch (erwartbar?) von Verletzungen und schlechten Entscheidungen geprägt. Stoudemires grosste Stärke, seine Passion, wurden mit fortschreitender Karriere zur Schwäche: Er überschätzte seinen sportlichen Wert und versank im Treibsand der NBA Rollenspieler. 255 Spiele in den letzten 5 Jahren lassen seine Legacy verblassen, aber Papier ist geduldig. Zwischen 2004 und 2011 schaffte er bei voller Gesundheit jede Saison (5x) mindestens ins All-NBA 2nd Team und legte dabei 23.6 / 8.8 auf. 
Für mich wird er immer ein Eckpfeiler des attraktivsten Teams meiner Jugend sein: Danke für “7 seconds or less“.

 

 

Vince Carter (5. Pick 1998, 18 Profisaisons)       
Vince Carter ist gebrandmarkt. Jeder Basketballer (wirklich, JEDER Basketballer) weiss um diese Veranstaltung im Jahr 2000 und kennt diesen recht berühmten Druckkorbleger.[3] Für so viele junge Talente vor und nach ihm war der Vergleich zu Kobe und Jordan ein Stigma, dass seine Karriere zu sehr bestimmte. Carter war athletisch betrachtet eine Abrissbirne, wie sie die Liga seitdem nicht mehr gesehen hat.[4] Videospiel-Poster, zerstörte Egos und ausrastende Fans – all dies hat „half-man, half-amazing“ täglich aufs Parkett gelegt. Vinsanity halt.                   
Gleichzeitig frage ich mich bei ihm umso mehr: Der Hype um seine spektakuläre Spielweise hat getrübt, was für ein toller All-around Basketballer Vince doch war. Tödlicher Stepback. Eis in den Venen. 25.7PPG bereits in seiner zweiten Profisaison.       
Sein Abgang aus Kanada war darauf ausgerichtet, sich sportlich freizuschwimmen und weiterzuentwickeln. Letztlich war es jedoch vielsagend, dass er ausgerechnet zu den Nets aus New Jersey um Jason Kidd und Richard Jefferson stieß, kam die Franchise doch gerade von back-to-back Finalteilnahmen. Trotz Carters firepower war im Anschluss stets maximal nach der zweiten Runde Schluss. Viele Beobachter sahen darin die Crux seiner Karriere: 11x Spieler der Woche, 8x Allstar Games hintereinander, aber nur 10 Playoffserien innerhalb seiner ersten 12 Profijahre.    

  
Im (Spät-) Herbst seiner Karriere vollzog Vince dann erfolgreich die Metamorphose zum Rollenspieler und passte sein Spiel geschickt der schwindenden Athletik an. Auch wenn letztlich kein Titel herausspringen wird, seine professionelle Herangehensweise als „student of the game“ (und Playoffheld) zollen Respekt. Vor allem: Man sieht ihm auch auf seine alten Tage noch die Liebe zum Game an.[5] 

 

 

Jason Terry (10. Pick 1999, 17 Profisaisons)       
10 Dreier gegen den amtierenden Champion anyone? Dieses Video ist eine akkurate Zusammenfassung von Jason „The Jet“ Terry. Nicht weil er scheinbar automatisch Dreierbomben regnen lässt, sondern weil er in seiner gesamten Karriere genau diese Energie und Selbstsicherheit versprüte. 17 Saisons und still going. The Jet war weder ein athletischer Freak noch ein Spieler mit herausragendem Basketball IQ. Mehr als einmal hat seine Emotionalität und seine grosse Klappe Teammates, Trainer und Fans zur Verzweiflung gebracht.[6] Aber der Reihe nach: Terry war ein Prototyp des Combo-Guards – nominell auf der Eins, war Jet bereits in seinen frühen Jahren für Atlanta stets eher Scorer als Aufbauspieler (15.3 FGA/G in Profijahren 2-5). Während seine offensive, teilweise überdrehende Spielweise gut zu den damaligen Run & Gun Mavericks passte, trat er nach dem Abgang von Steve Nash in große Fußstapfen.[7] Dementsprechend wurde seine Rolle nach den zwei Playoff-Debakeln 2005-2007 (Kurzzeitgedächtnis, wo bist du?) transformiert und er wurde neben Manu Ginobili, Jamaal Crawford und Leandro Barbosa jahrein, jahraus einer der besten 6th Man der Liga. Während seine Statistiken nicht annähernd mit denen von STAT oder Vince zu vergleichen sind, war Jason Terry der beständigste Spieler der NBA-Finals 2011.[8] You pick which is more important.   

Jason Terry ist nicht nur der Spieler mit den drittmeisten versenkten 3ern All-Time, er ist vor allem derjenige Spieler, den jeder Fan aufgrund seiner positiven Energie, seinem Humor und seiner Clutchness in seinem Team habe möchte. Fly on, Jet!

 

 

Honorable mentions:  

Richard Jefferson (13. Pick 2001, 15 Profisaisons)           
Zugegeben, es waren die dog days der Eastern Conference, aber back-to-back Finals sind nicht ohne. Highflyer, 6 Jahre lang 20ppg, mit 29 gings dann rasch die Klippe hinab. Veritabler Karriereherbst als 3&D Spieler von der Bank. Champion after all.

 

Elton Brand (1. Pick 1999, 17 Profisaisons)         
Eine Achillessehnenverletzung vermieste dem laufenden 20-10 Abo eine gebührende Karriere. Kopf des „vergessenen“ Clippers-Teams um Shaun Livingston, Cuttino Mobley und Corey Maggette.

 

Tayshaun Prince (23. Pick 2002, 14 Profisaisons)             
Schweizer Taschenmesser der Championship-Pistons. Zu dieser Zeit defensiv so vielseitig einsetzbar wie kein anderer Spieler in der Liga. 10 Jahre Auburn Hills mit Ford’scher Konstanz.

 

Andre Miller (8. Pick 1999, 17 Profisaisons)        
Gibt es einen besseren Spitznamen als Der Professor? Niemand zuvor hat mit weniger Athletik und Range (!) derart lang in der Liga überdauert. Dies ist letztlich komplett seinem Basketball IQ zu verdanken. Dynamo – in seinen ersten 11 Jahren nur 6 Spiele verpasst.  Unfassbar kompetitiv.

 

[1]
                        [1] Kleiner Tipp: Schaut euch die Youtube Links erst nach dem Durchlesen des Artikels an. Ihr seid sonst in der NBA Youtube-Vortex verloren.

[2]
                        [2] Memo an mich selbst: Im Pod die epische Serie mit den Spurs 2007 thematisieren.

[3]
                        [3] Scheiße, ich könnte mir das 100x reinziehen.

[4]
                        [4] Nein, auch Blake nicht. (I see you, Zach LaVine).

[5]
                        [5] Ob dieses Resume fur die Hall-of-Fame reicht? Stoff für einen Pod mit Marius.

[6]
                        [6] Falls ihrs vergessen haben solltet: Er hat sich vor der Meisterschaftssaison die Larry O’Brian Trophy auf dem Bizeps tätowieren lassen. Nostradamus 2.0.

[7]
                        [7] Rückblickend würde ich wie viele andere Mavs Fans behaupten, dass Jet’s Karriere bei den Mavs die von Nash signifikant übertrifft. Retire that jersey!

[8]
                        [8] EAT. THIS. LeBron.

 

 

 

 

 

Mach Neu

Erinnert ihr euch noch an die Indiana Pacers? Nein, nicht die Pacers der vergangenen Saison, die selten hässliches Offensivschach gespielt haben und trotzdem mit einer Rumpftruppe zum Ende der 82 Spiele um einen der letzten Playoffplätze mitspielten. Dieses Team schaffte es immerhin, ohne großes Talent zu einem möglichen Favoritenschreck hochgejubelt zu werden.

Aber dieses Team meine ich nicht. Ich meine dieses Team. Ja, genau. DIE Indiana Pacers, die aussahen, als würden sie jahrelang um die Krone im Osten mitspielen können. Eine rundherum tolle Mischung: Ein junger Star in Paul George, Veteranen wie David West oder Luis Scola und einem polarisierenden, extrem selbstbewussten Lance „will make 'em dance“ Stephenson. Wenn man dann einen jungen Coach wie Frank Vogel und als Head of Basketball Operations eine Legende wie Larry Bird vorweisen kann, sind die Zutaten für das Rezept aus dem Kochbuch „How to make a Contender“ fast vollständig.


 

Aber das war noch nicht alles. In Roy Hibbert hatte Indiana ihren Ringbeschützer gefunden, der durch seine schlaue Verteidigung unterm Korb („going vertical“) die Angreifer zur Verzweiflung brachte und von manchen als Franchise Player angesehen wurde. Glaubt ihr nicht? Hibbert war Allstar und mit 2.2 Blocks pro Spiel Zweiter im Defensive Player of the Year Voting. Fragt außerdem mal bei Carmelo Anthony nach (Marius, du musst jetzt ganz stark sein). Kurze Zeit später hatte sich die Situation aber schneller verändert, als Tom Thibodeau „Ice“ schreien kann. Zwar kamen die Pacers mithilfe eines überragenden Paul George noch in die Conference Finals, Hibbert verzeichnete allerdings vier (!) Spiele in der Postseason, in denen er nicht punktete, Lance Stephenson verfiel komplett dem Wahnsinn und die Bank war dünner als Andrea Bargnagnis Bizeps. Als sich dann noch Paul George in einem Trainingsspiel von Team USA das Knie sprengte, standen Vogel und Bird vor dem Scherbenhaufen ihres Teams. Man wusste nicht wirklich wo es hingehen sollte. Lance wurde in der Free Agency nicht wieder unter Vertrag genommen, dafür kamen Rodney Stuckey und CJ Miles. Die Saison 14/15 war ein halbherziges „Weiter so“ und stand spielerisch von Beginn an unter keinem guten Stern. Auch wenn es wie bereits erwähnt zu einem respektablen neunten Platz im Osten reichte, standen die Pacers aus dem basketballverrückten Staat im Niemandsland der NBA und damit vor einer wegweisenden Entscheidung.


 

Ich hab meine alten Sachen satt, und lass sie in 'nem Sack verrotten.
Motte die Klamotten ein, und dann geh ich nackt shoppen.
Ich bin komplett renoviert, Bräute haben was zu glotzen.
Kerngesund, durchtrainiert, Weltmeister im Schach und Boxen.
Nur noch konkret reden, gib mir ein ja oder nein.
Schluss mit Larifari, ich lass all die alten Faxen sein.


 

Frei nach Peter Fox entschied sich das Frontoffice für einen Schlussstrich und hatte folglich einen, sagen wir, interessanten Sommer. Die ehemaligen Bausteine der knochenharten Defensive, David West und Roy Hibbert, wurden quasi aus der Stadt gejagt. Hibbert wurde nonchalant Nahe gelegt, auf sein Spieler-Option von 15.5 Millionen Dollar zu verzichten. Dies ignorierte Hibbert (2014/15: 10.6 PPG, 7.1 RPG) natürlich und wurde für im Gegenzug für nichts (lies: einen 2nd Round Draft Pick) zu den Los Angeles Lakers getradet. David West verzichtete daraufhin auf seine eigene Spieler-Option und damit auf 12.6 Millionen Dollar und heuerte seinerseits für nichts (lies: Veteran Minimum) bei den Spurs an. Einer der Gründe für West Abschied lag sogar darin, dass ihm das Verhalten der Pacers gegenüber seinem Teamkameraden Hibbert als respektlos erschien. Zusätzlich verließen in Luis Scola und CJ Watson solide Rollenspieler den Verein. Auch wenn bereits während der Saison über einen möglichen Abschied der Veteranen und, damit zusammenhängend, einem Rebuild spekuliert wurde, überraschten die neuen Verpflichtungen des Teams umso mehr.

Mit Monta Ellis kommt ein Spieler, der nicht in das bisherige Konzept der Pacers passt. Die Balldominanz eines wild in die Zone ziehenden Wirbelwinds steht in Kontrast zur defensivorientierten, offensiv extrem langsamen Spielphilosophie Indianas. Dies wird sich mit Ellis (Career Usage-Rate von 26%, 18.1 FGA letztes Jahr) wohl ändern müssen. Ellis braucht offensiv Freiheiten und muss defensiv „versteckt“ werden.

Zusätzlich wurden mit Chase Budinger (per Trade aus Minnesota) und Jordan Hill (vormals Lakers) Spieler verpflichtet, die nicht unbedingt für defensive Expertise stehen. Zudem hat Budinger in den letzten drei Jahren verletzungsbedingt nur durchschnittlich 43 Spiele bestreiten können. Seine mit 35,8% leicht überdurchschnittliche Wurfquote von jenseits der Dreierlinie soll für Ellis und George Platz schaffen.

Hills Unterschrift ist hingegen eine leichte Überraschung. In einer Saison zum Vergessen hatte der Ex-Laker den Finger häufiger am Abzug als James Bond – 11.1 Wurfversuche (45,9% FG) in 26.8 Minuten Spielzeit sind bei seinem limitierten Skillset schlichtweg inakzeptabel und zeugen von mangelnder Diziplin.

Beide Spieler können allerdings einen schnellen Ball spielen. Da derzeit mit Hill und Mahimi nur zwei klassische Big Men unter Vertrag stehen wird in Indiana in der kommenden Saison also zwangsläufig Smallball mit Paul George als Power Forward zu sehen sein.


 

Bye Bye ich muss hier raus, die Wände kommen näher.

Die Welt mit Staub bedeckt, doch ich will sehn wo's hingeht.

Steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht.

Hey, alles glänzt, so schön neu.


 

Ob die Pacers basketballerisch glänzen werden, ist fraglich. Fakt ist, dass im Osten mit den Schwergewichten Cleveland und Chicago sowie wesentlich talentierteren Teams wie Miami, Washington oder Atlanta wahrscheinlich höchstens ein Kampf um die unteren Playoffplätze möglich sein wird. Trotzdem wird die Saison wegweisend dafür sein, wie es bei den Pacers mittelfristig weitergehen wird. Ist Coach Vogel versiert genug, sein Spielsystem entsprechend umzustellen? Kann Paul George wieder an seinen Status als möglicher MVP-Kandidat anknüpfen? Kann die dünne Bank um Solomon Hill und Rodney Stuckey wirklich dauernde Unterstützung bringen? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Das Beispiel der Pacers verdeutlicht aber, wie schnell das berühmte Championship-Window, das Zeitfenster zum Titelgewinn, in der NBA wieder schließt. Ein paar Verletzungen hier, einige personelle Fehlgriffe dort – und schon wird aus einem Contender ein Kandidat für den Rebuild (Hello Dallas!). In Indiana ist der Wandel zumindest eingeläutet. In welche Richtung es geht, wird sich auf dem Parket zeigen.


 

by Phil N.

From Russia with Love – Eine Analyse des Mozgov-Trades vom 07.01.15


Die beste Basketball-Liga der Welt wird, wie wir wissen, immer internationaler. Im Zuge der schleichenden Internationalisierung der Liga spielen mittlerweile auch einige russische Athleten in der NBA. Doch Spieler wie Sergey Karasev (Brooklyn) oder Alexey Shved (Philadelphia) sind keine Stars, sondern Rollen- und Ergänzungsspieler.
Es gibt jedoch einen derzeitigen NBA-Spieler aus Russland, der auch hierzulande einigen Fans aus Highlight-Reels bekannt sein dürfte: Timofey Mozgov erlangte zweifelhaften Ruf als Dunkopfer, der auf mehr Postern zu sehen war als damals die Backstreet Boys. Nicht umsonst wurde eine Zeit lang bei einem krachenden Dunk in der Zone davon gesprochen, der Verteidiger sei „gemozgoved“ worden.
Aber wie so oft täuschen uns diese Clips und verraten natürlich nichts über den Wert des besagten Spielers auf dem Basketballfeld. Bei näherer Betrachtung wird nämlich klar, dass Mozgov ein durchaus interessanter Spieler ist. Deshalb nehmen wir den gestrigen Trade zwischen den Cleveland Cavaliers und den Denver Nuggets zum Anlass, den Move sowie Mozgovs Game etwas näher zu beleuchten.

 

Timofey Mozgov – Scounting Report
Wie viele andere internationale Spieler hat auch Mozgov erst verhältnismäßig spät seinen Weg in die NBA gefunden. Der bald 29-jährige Sevenfooter aus St. Petersburg wurde nach 34 Partien in seiner Rookie-Saison bei den Knicks bereits Teil des Mega-Trades, der Carmelo Anthony nach New York brachte. In der Mile High City von Denver kam er in den ersten beiden Jahren jedoch nicht über eine Rolle als Bankwärmer hinaus, bevor ihm im letzten Jahr mit 21.6 Minuten pro Spiel schließlich der Durchbruch als Rollenspieler gelang. Dieser Sprung korreliert sicherlich mit dem Coach der Nuggets, Brian Shaw. Shaw favorisiert das Spiel mit einem klassischen Center und Ringbeschützer an der Seite der von Power Forward Kenneth „Manimal“ Faried. Defensiv ist Mozgov definitiv ein Upgrade im Vergleich mit dem unkontrollierten Wahnsinn eines JaVale McGee oder dem kopflosen stat-padding eines JJ Hickson. Mozgovs Vorzüge liegen eindeutig in der Manndeckung im Post, wo er sehr gut gegen bullige Center seinen Mann steht, sowie in der Help-Defense bei zum Korb ziehenden Gegenspielern. Sein gutes Timing und seine Länge erlauben ihm, zahlreiche Würfe in Ringnähe zu beeinflussen. Seine Statur hindert ihn allerdings daran, hohe Pick-and-Rolls leichtfüßig zu verteidigen und liefert ihn das ein oder andere Mal nach dem switchen einem hoffnungslosem 1-on-1 gegen einen schnellen Guard aus.
Seine Reboundingarbeit ist allerdings an beiden Enden des Felds oberes Ligadrittel – defensiv schnappt er sich 22.3% aller möglichen Rebounds, offensiv immerhin noch 10,7% . Mozgovs besitzt offensiv natürlich kein Arsenal an Finten und Würfen wie Big Al, sehr wohl hat er aber sein Offensivspiel in den letzten beiden Saisons verbessert. So fällt neben dem Haken im Post nun auch häufiger der Jumpshot aus der Mitteldistanz und, man sehe und staune, sogar der ein oder andere Dreier. Dies sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Mozgov keinesfalls eine legitime Waffe unter dem gegnerischen Korb darstellt. Mozgov sollte in einem Playoff-Team
offensiv nur eine marginale Rolle als Blocksteller und Postspieler einnehmen.


Der Trade
Gemäß dem Titel eines alten James-Bond-Films bildet der russische Center nun mit Kevin Love den starting Frontcourt der Kavaliere aus Cleveland. Um sich die Dienste von Mozgov zu sichern schickten die Cavs den Nuggets zwei 1st Round-Draftpicks.
Diese sind, wie mittlerweile üblich, beide “protected“, d.h. mit einigen Klauseln versehen. So ist der erste 1st Rounder, ursprünglich durch den Dion-Waiters-Trade von Oklahoma City zu Cleveland gelangt, wie folgt geschützt: Picks 1-18 in 2015, 1-15 in '16; 1-15 in 2017. Nach 2017 wird der Pick automatisch zu zwei 2nd Round Picks. Wenn wir davon ausgehen, dass OKC in dieser Saison nicht mit weiterem Verletzungspech geplagt wird (und somit in die Playoffs kommen), gehört den Nuggets im kommenden Draft ein später 1st Round-Pick. Der zweite im Trade nach Denver verschiffte 1st Rounder gehörte ursprünglich Memphis und ist anders geschützt: Picks 1-5 und 15-30 in 2015 und 2016, sowie Picks 1-5 in 2017 und 2018; unprotected in 2019. Angenommen die Grizzlies setzen ihren Aufwärtstrend fort, halten im kommenden Jahr Marc Gasol und kommen in die Playoffs wird dieser Pick wohl erst im Jahr 2017 zu einem 1st Rounder für die Nuggets werden.

 

Unser Urteil
Wie bereits in unserem letzten Pod angesprochen, mussten die Cavs nach dem verletzungsbedingten Saisonaus für Anderson Varejao ihren Frontcourt aufrüsten. Insbesondere in den Playoffs benötigt Cleveland auf den großen Positionen Spieler, die Big Men Paroli bieten können. Gleichzeitig hat GM David Griffin durch den Trade der beiden 1st Round-Draftpicks fast alle seiner (Trade-)Assets erschöpft. Ein hoher Preis für einen soliden, aber bestenfalls durchschnittlichen Center. Spielerisch ist der Deal für die Cavs sinnvoll. Mit Mozgov stellt man neben dem für seine Defensivallergie bekannten Kevin Love wieder einen guten Ringbeschützer, dem allerdings die
Leichtfüßigkeit von Varejao in der Team-Defense fehlt. Tristan Thompson wird durch diesen Trade zwar wahrscheinlich wieder von der Bank kommen, wird aber immernoch Smallballminuten auf der Center-Position sehen und mit Mozgov zusammen ein gefährliches Duo in Sachen Offensivrebounding bilden. Zudem pflegt Mozgov ein gutes Verhältnis zu Clevelands Coach David Blatt, der früher als Russischer Nationaltrainer aktiv war. In Hinblick auf die finanzielle Stabilität Clevelands ist dieser Trade positiv zu bewerten. Mozgovs Vertrag beinhaltet eine Team-Option für das kommende Jahr, die bei moderaten 4,9 Millionen Dollar liegt.


Für Denver ist dieser Move ein Indiz dafür, dass weitere Spieler in naher Zukunft den Verein verlassen könnten (Gallinari, McGee). Während Coach Brian Shaw sicherlich nicht glücklich über den Abgang seines Centers sein wird, steht mit dem diesjährigen First-Round-Pick, Jusuf Nurkic ein vielversprechendes Talent zur Verfügung. Es bleibt zu hoffen, dass der Coaching Staff dies ebenso sieht und Mozgovs Minuten in einem tief besetzten Frontcourt nicht hauptsächlich auf JJ Hickson oder Darell Arthur verteilen wird. Die beiden Picks wird Denver (16-20) nutzen müssen, um den Rebuild um Floor General Ty Lawson zu beschleunigen.

 

Letztlich haben die zwei Teams sich über einen Move verständigt, der für beide Sinn ergibt und den jeweiligen Zielen dient. Cleveland verstärkt zumindest kurzfristig seinen dünnen Frontcourt für einen tiefen Playoff-Run und Denver bekommt Assets, die zwar nichts garantieren, langfristig die Franchise aber durchaus nach vorn bringen können.
Insofern hält es sich wie mit vielen NBA-Trades: Time will tell. Man wird sehen, wie die Würfel fallen.


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Alle im Artikel verwendeten Spielerstatistiken stammen von Basketball-Reference oder der NBA

 

Taktikbrett I: With the game on the line...
(San Antonio Spurs 101 – Dallas Mavericks 100, 28.10.2014)

 

Endlich ist es soweit: Die Zeit der Hypothesen und Saison-Previews ist vorbei – endlich wird das orangefarbene Leder wieder durch die Reuse geworfen.     
Der gemeine NBA-Freak bekam der Vorfreude entsprechend auch direkt ein besonderen Leckerbissen als Eröffnungsspiel serviert. Nachdem zunächst die Champs der vergangenen Saison ihre mit Brillanten besetzten Ringe bekamen war es dann soweit. Game-Time! Volle Halle. Texas Derby. Popp gegen Carlisle.

 

Bevor wir zu den beiden spielentscheidenden Situationen kommen, noch einige schnelle Anmerkungen zum Spiel:

  • Beide Teams mussten zu Beginn offensichtlich ihren Rhythmus finden und leisteten sich zahlreiche Turnover im Spielaufbau
  • Dallas Coach Rick Carlisle experimentierte wie zu erwarten viel mit unterschiedlichen Lineups (insbesondere auf SF) – allein in der ersten Halbzeit kamen Parsons, Aminu, Crowder und Richard Jefferson zum Einsatz.
  • Dallas lebte in Hälfte Zwei von den Dreiern von Harris und Nelson sowie den 2nd Chance Points. Ich hätte nach der ersten Halbzeit nicht gedacht, dass die Mavs das Spiel bis zum Ende so eng gestalten könnten. Spielzüge wurden nicht zuende gespielt, viele lange Zweier in Bedrängnis genommen und die Defensivrotationen stimmten häufig nicht (z.B. bei drei von vier Dreiern durch Tony Parker).
  • Gott sei Dank hat Charlie Villanueva nicht gespielt.

 

Spielminute 48, Spurs 101 – Mavericks 100, Crunch Time.

 

Wie antizipierbar entscheiden sich die Mavs bei ihrem letzten, spielentscheidenen Spielzug für das in der vergangenen Saison erprobte Pick&Pop zwischen Ellis als Ballführer und Dirk als Blocksteller. Auch in diesem Screenshot wird ersichtlich, dass Chandler Parsons die Abläufe noch lernen muss – Dirk zeigt ihm an, dass er Ellis den Ball geben soll.

Durch den Spielzug erreicht Dallas das gewünschte switchen der Verteidiger. Statt gegen Boris Diaw in die Zone zu ziehen entscheidet sich Ellis für ein Post-Up von Dirk gegen Danny Green. Dies ist in Hinblick auf die 8 verbleibenden Sekunden eine gute Entscheidung, da den Spurs nicht mehr genug Zeit für einen eigenen Angriff bleiben sollte.

Natürlich ist San Antonio für diesen klassischen Spielzug des texanischen Rivalen eingestellt und schickt Duncan als Hilfe für ein potentielles Doppeln. Wichtig ist dabei aber, dass Duncan nicht „hart doppelt“ (also direkt auf Nowitzki zuläuft), sondern eher das Doppeln andeutet. Nowitzki bemerkt dies und entscheidet sich für den cross-pass zu Devin Harris. Er hat sich an dieser Stelle wegen der Aktivität Duncans gegen seinen patentierten Move des Step-Back Fadeway zur Baseline entschieden.

Es ist offensichtlich, dass San Antonio die Laufwege der Help-Defense sehr gut einstudiert hat. Ein funktionierendes „Help-the-helper“ ist einer der großen Vorteile eines eingespielten Teams und wird hier eindrucksvoll demonstriert.

Manu Ginobili macht ein erfolgreiches „close out“ zu Devin Harris, der somit nicht den Corner-Dreier nehmen kann und seinerseits clever weiter zu Chandler Parsons passt.

Dies ist der entscheidene Screenshot. Bisher haben beide Teams sehr konzentriert gespielt, haben in ihren jeweiligen Rotationen keine Fehler gemacht. Doch Parsons entscheidet an dieser Stelle (für mich als Dallas Fan leider) als einziger Spieler falsch. Er steigt sofort zu einem von zwei heraneilenden Spurs gut verteidigten Schuss weit hinter der Dreierlinie hoch. Klar, Parsons kann diese Schüsse treffen – an dieser Stelle wäre er aber besser beraten gewesen, entweder einen Schuss per Pump-Fake anzutäuschen und danach einen hochprozentigen Pull-Up aus der Mitteldistanz zu nehmen oder zu Monta Ellis (Nr.11) zu passen. Merke: Zum Zeitpunkt von seinem Schuss waren noch 2,4 Sekunden auf der Schussuhr, genug Zeit, um beide Optionen zu spielen.

 

Rick Carlisle fasste nach dem Spiel passend zusammen:

 

„It was a great basketball game, you can't kick off the season with a better game than this for the fans – there's no way. Unfortunately, the slim margins of winning and losing are all that anybody remembers. If we get one more stop, one more basket – then we're all in here singing a differnt tune. That's the world we live in the Western Conference.“ - Rick Carlisle

 

Letztlich war dieser Spielzug ein Beispiel dafür, dass es NBA-Basketball auch schön anzusehen ist, wenn der Ball nicht durchs Netz geht.

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